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Samstag, 24. Dezember 2011

Glücklich priviligierte Babyboomer

Wir sind zu spät. Knapp nur, um ein Vierteljahrhundert vielleicht, aber zu spät. Das grosse Los haben nicht wir gezogen, sondern die in den Nachkriegsjahren geborenen Babyboomer.

Sie hatten oder haben: eine sorglose Kindheit ohne Leistungszwang. Eine Jugend mit Pille, aber ohne Aids. Einen Job mit eigener Sekretärin. Steil steigende Löhne. Geschäftsreisen in der Businessclass. Einflauschiges Altersfürsorge-Kissen (das wir für sie polstern). Und zu allem Überfluss gab es noch kein Handy, also keine Kontrollanrufe von daheim und keinen Zwang, Twitter-Botschaften abzusetzen. Verglichen mit diesen Glückskindern sind wir Galeeren-Häftlinge.

Martin Helg in der NZZaS vom 18.12.11, Seite 77f.

Montag, 7. März 2011

drogensüchtige Ärzte

Ab etwa der Hälfte des Studiums lernen die Studenten den Umgang mit Medikamenten und erhalten einen Ausweis, mit dem sie alle Medikamente ausser Betäubungsmittel problemlos und ohne Registrierung kaufen können. Und im Studium lernen sie auch, dass zum Beispiel drei Gläser Wein pro Tag gesund sind. Das geht später an Kongressen weiter, wo ähnlich viel getrunken wird wie im Militär. Und im Arztalltag, sind Medikamente/Drogen sowieso omnipräsent.

Wenn jemand viele Pillen nimmt, ist er in den Augen von Normalbürgern ein Süchtiger. Ärzte nennen das Behandlung. Sie neigen auch dazu, sich selbst zu behandeln. Pillen schlucken kann so zur Gewohnheit werden, der Gang zur Apotheke oder die Bestellung von Medikamenten ist für Ärzte ohnehin Routine. Und sie kriegen sogar Medikamenten-Müsterchen.

Oft ist es ein Teufelskreis, der ganz harmlos beginnen kann: Ein Arzt hat Schlafstörungen, geht in die Apotheke und kauft ein «kleines Helferlein». Hat er dazu noch Eheprobleme, nimmt er am Tag Antidepressiva. Wenn dieses nicht mehr ausreicht, greift er zu Beruhigungspillen. Oft werden die Medikamente mit Alkohol kombiniert. So beruhigt sich der Arzt am Abend. Und um am Morgen trotz Kater wieder fit zu werden, nimmt er weitere Pillen. Das ergibt beispielsweise den Kreislauf: Morgens Ritalin, Mittags Antidepressiva, am Abend Alkohol und Valium. Lange geht das gut, doch irgendwann bricht die Sucht aus wie ein Vulkan.

Menschliches Versagen und der grosse Druck führen zu weitaus mehr Fehlern, als Drogen. Wir müssen uns aber nichts vormachen: Es besteht eine Gefahr, wenn ein süchtiger Arzt beispielsweise starke Konzentrationsstörungen hat. Diese kann er aber auch wegen einer Depression haben. Man kann auch fragen: Wollen Sie sich lieber von einem Arzt behandeln lassen, der keine Pillen nimmt und bei dem die Gedanken ständig um seine Probleme kreisen oder von einem, der deswegen Medikamente schluckt? Mit Valium hat ein Chirurg vielleicht sogar eine ruhigere Hand. Und mit Ritalin kann er sich möglicherweise besser konzentrieren. Das soll aber kein Aufruf an die Ärzte sein, dass sie nun Drogen nehmen sollen.

Wie bei allen Süchtigen gilt: Abstinenz ist nicht in jedem Fall oberstes Ziel. Das ist überholt, die Behandlungsziele werden individuell erarbeitet. Wichtig ist, dass der Süchtige seinen Konsum unter Kontrolle bekommt, so dass der moderate Konsum keine Auswirkungen auf die Arbeit hat.

Andreas Moldovanyi, Leitender Arzt im stadtärztlichen Dienst Zürich und ärztlicher Leiter der Entzugsklinik Frankental und der Polikliniken Crossline und Lifeline der Stadt Zürich im Interview von Lorenz Hanselmann im 20min vom 7.3.11, Seite 8.

Donnerstag, 17. April 2008

weiblicher Lustverlust

Anders als Frauen haben sie eine sehr mechanische Vorstellung von Sexualität.
Claus Buddeberg, Leiter der Abteilung für Psychosoziale Medizin am Universitätsspital Zürich
Das (männliche) "Dampfkessel-Modell":
Der sexuelle Trieb staut sich an und drängt auf Entladung – in Form einer Erektion mit Ejakulation. Wenn es am Druckaustrittsventil hapert, ist das ein mechanisches, folglich lösbares Problem.
Claus Buddeberg
Ich bin Ingenieur. Ich kann alle Gesetze der Hydraulik auf sexuelle Störungen anwenden.
Irwin Goldstein, Professor für Urologie an der Boston University School of Medicine
Die Lösung für den Mann entgegen der "erektilen Dysfunktion" ED:

Viagra ist soeben 10 Jahre alt geworden (lanciert im April 1998). Umsatz 2007: 1.76 Mrd. USD und die Konkurrenten Cialis und Levitra fast nochmals soviel.
Der Wirkstoff Sildenafil sorgt für pralle Schwellkörper im Penis, indem er das Enzym PDE-5 hemmt, das den Blutfluss reguliert. Aus dem Problem der Psyche war eins der Physis geworden.

Die weibliche Situation
Anteil der Frauen in den USA mit einem gestörten Liebesleben: 43 Prozent
Schätzung des amerikanischen Soziologen Edward Laumann
"Female Sexual Dysfunction" FSD:
vier Symptomkomplexe, die einzeln oder zusammen auftreten
  • erschwerte Erregbarkeit
  • Orgasmusschwierigkeiten
  • Schmerzen beim Verkehr
  • Lustverlust
Die weibliche Sicht der Dinge, welche eine medizinische Lösung verunmöglicht:
Frauen sehen Sex auch als Investition in die Beziehung. Und umgekehrt haben Frauen dann keine Lust mehr, wenn es ihnen an Anerkennung und Aufmerksamkeit durch den Partner fehlt oder wenn der Partner ihnen zu wenig Zeit schenkt.

Ein Viagra für die Frau schüfe also nur noch mehr Probleme: Wo man sich chemisch in Lust versetzen kann, werden zwischenmenschliche Investitionen überflüssig. Vermutlich wäre es für beide Geschlechter daher das Beste, wenn die Lustpille für die Frau das bliebe, was sie bisher vor allem ist: eine Männerfantasie.
Kai Michel in der WW16.08, Seite 50ff.