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Sonntag, 6. Dezember 2009

Dubais Arbeitsethos

Durch geschickte Planung wollten die Machthaber in Dubai so schnell wie möglich ein Ölförderland in ein Dienstleistungsland verwandeln. Dazu importierte man Bauarbeiter aus Pakistan und Manager von westlichen Hochschulen (85% Ausländeranteil im Land). Auch ich kann das "Schwärmen von dynamischen Entscheidungsprozessen im aufgeklärten Absolutismus" gut verstehen. Doch Thomas Isler von der NZZaS sieht den Grund für die ev. beschränkte Lebensdauer Dubais genau in dieser Herrschaftsstruktur:
Zu viele zu schnelle Entscheidungen in einem zu kleinen Zirkel, für den die Ideen nur in eine Richtung fliessen: von oben nach unten.
Ich finde aber den anderen aufgeführten Grund viel entscheidender:
Das Emirat verfügt (anders etwa als China) auch nicht über eine einheimische Bevölkerung mit puritanischem Arbeitsethos.
In Anlehnung an Thomas Isler in der NZZaS vom 29.11.09, Seite 21.

China aber eben schon, die Amis haben auch keinen Arbeitsethos mehr. Entscheidend für Europa wird sein, ob sich die "soziale Marktwirtschaft", also der Sozialismus, verstärkt durchsetzen wird. Damit ginge dann auch der Arbeitsethos unter...

Freitag, 1. Mai 2009

Parrhesie

Über die letzte Vorlesung von Michel Foucault zu «Der Mut zur Wahrheit» (Le courage de la vérité):

Die Vorlesung behandelt die antike Auffassung der sogenannten Parrhesie, das heisst des Vorrechtes, alles sagen zu dürfen — auch die unangenehmen Wahrheiten, die den Mitbürgern missfallen und welche die Mächtigen herausfordern. Die Parrhesie war das Fundament der athenischen Demokratie. Bis heute ist die freie Meinungsäusserung die unverzichtbare Voraussetzung eines demokratischen Staatswesens. Nur wenn Wahrheit zumutbar ist, können öffentliche Entscheidungsprozesse funktionieren.

Athen war die Wiege sowohl der abendländischen Philosophie als auch des westlichen Demokratie-Ideals, doch es bestand zwischen den beiden Zivilisationsleistungen von Anbeginn ein Gegensatz: Die klassische Philosophie stand der Volksherrschaft mit äusserster Skepsis gegenüber. Plato verurteilt in seinem «Staat» die Demokratie als Pöbelherrschaft, in der die Demagogen stets den Sieg über die Vertreter der Vernunft davontragen. Aristoteles ist der Mehrheitsregierung gegenüber aufgeschlossener, aber auch er erblickt in der Aristokratie die ideale Staatsform. Weshalb wurden die Philosophen zu Verächtern des demokratischen Staates? Foucault führt das Zerwürfnis zurück auf eine Krise der Parrhesie.

Denn das Recht, alles sagen zu dürfen, kann auf zweierlei Weise verstanden werden. Einerseits kann es die Notwendigkeit benennen, ohne Rücksicht auf die Machtverhältnisse, die Wahrheit auszusprechen. Es entspringt einem Ethos der Wahrhaftigkeit. Andererseits besteht das Recht, alles sagen zu dürfen, auch darin, dass man jeden Unsinn erzählen darf. Es erteilt eine Lizenz zur Beliebigkeit. Foucault zeichnet in seiner Vorlesung nach, wie das Ideal der Parrhesie im klassischen Athen in eine Krise geriet: Ursprünglich war damit der Mut zur Wahrheit gemeint, doch mehr und mehr bezeichnete es nur noch die frivole Unsinnigkeit der öffentlichen Demagogie. Die klassische Philosophie wurde antidemokratisch, weil die athenische Demokratie ihr Wahrheitsethos verlor.

Daniel Binswanger im TagiMagi vom 1.5.09