Man denkt also vor allem an die Liebesgeschichten von Männern mit Mädchen, mit Pubertierenden, mit Minderjährigen – und empfindet ein doppeltes Unbehagen. Nach dem Gesetz ist solche Liebe zwar nicht strafbar: Boettichers Freundin war älter als 14, es gab kein Ausbildungs- oder Abhängigkeitsverhältnis und es handelte sich nicht um Prostitution. Aber es fällt bei so einem Altersunterschied schwer, an eine ebenbürtige Beziehung zu glauben, an die Freiheit der Wahl von beiden Seiten, daran, dass auch nicht im geringsten Zwang, Vorteilsnahme oder Missbrauch im Spiel waren. Einerseits.
Gleichzeitig gilt – und auch das löst Unbehagen aus: Kaum eine Beziehung ist restlos ebenbürtig, und die Liebe ist noch im hohen Alter oft eher eine unreife als eine reife Angelegenheit. Eine 15- oder 16-Jährige ist außerdem kein Kind mehr. Warum soll sie nicht mit einem 40-Jährigen glücklich sein – und sei es für eine kurze Zeit? Liebe ist voller unmoralischer Komponenten: eine Verrücktheit, ein Wahnsinn.
Sex hat mit Vernunft erst recht wenig zu tun, er enthält nicht nur Momente der Zärtlichkeit, sondern auch der Gewalt, bei Gleichaltrigen wie bei Partnern mit großem Altersunterschied. Ja, es gibt den gesellschaftlich sanktionierten Sexismus, der älteren Männern jüngere Geliebte eher verzeiht (und lüstern „Skandal“ schreit) als den „entsorgten“ älteren Ehefrauen die amour fou mit einem 17-Jährigen. Ja, es gibt die Notwendigkeit von Gesetzen, die die Freiheit der Liebe einschränkt, zum Schutz der Schwächeren, der Zöglinge, die sich im Zweifel nicht wehren können gegen Lehrer oder Internatsleiter, ältere Cousins oder den eigenen Vater. Aber es gibt auch die unvermeidliche Portion Willkür bei solchen Gesetzen: Manche 14-Jährige ist mündiger, erwachsener, sexuell reifer als andere mit 16. Auch wenn das im Einzelfall zur Tragödie führen mag: Es geht nicht anders, der Gesetzgeber muss eine Altersgrenze ziehen. Den Schwächeren zuliebe
Christiane Peitz auf Cicero
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Dienstag, 16. August 2011
Mittwoch, 25. Mai 2011
unkonventionelle Wertebetrachtung
In Ihrem Buch «Saint Tropez» porträtieren Sie Eichinger als einen Menschen mit «nuklearer Energie» und «rohen, jedes Anstandsgefühl ausser Kraft setzenden Rücksichtslosigkeiten», der gegen Mittag zwischen Pornokassetten aufwacht und die Vorhänge aufreisst, «als erwarte er Applaus».
«Meine Arroganz», sagten Sie 1984, «ist das Resultat einer zunehmenden Abscheu vor den Menschen ganz allgemein. Ich bin tatsächlich unfähig, sie zu lieben.» Radikalisieren sich diese Empfindungen im Alter?
Der Blick wird nachsichtig bis gleichgültig. Das hat aber nichts mit Altersweisheit zu tun, eher mit Ökonomie: Abscheu - und mehr noch Hass - vergeudet zu viel gute Energie, während Verzeihen und Nachsicht Energie spart. Abscheu ist zu anstrengend, und zu hassen hat etwas Unreifes.
Wolf Wondratschek im Interview von Sven Michaelsen in der WeWo11/11, Seite 48ff.
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