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Montag, 4. Juli 2011

Sexsucht gibt es nicht

...dass der Mensch sich punkto Sex selten so verhält, wie das moralische Empfinden es gern hätte? Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei der Diagnose Sexsucht um die Pathologisierung eines Verhaltens handelt, das bis vor kurzem noch als Charakterschwäche durchging. Und das hat Folgen: Psychologen spezialisieren sich, es werden Programme und Sprechstunden angeboten, Selbsthilfegruppen werden formiert, vielleicht werden unheilbare Sexsüchtige bald auch eine IV beziehen dürfen.

Vom Dampfschiff aus gesehen handelt es sich hier um einen klassischen moralistischen Fehlschluss, was bedeutet, dass von einem Soll- auf einen Sein-Zustand gedeutet wird. Im Falle der Sexsucht heisst das, dass das moralisch wünschenswerte Verhalten, nämlich sexuelle Treue zum normalen und gesunden Verhalten gedeutet wird und alles, was davon abweicht, als pathologisch verstanden wird. Wenn notorische Fremdgeher wie Golfmillionär Tiger Woods, sich nachdem er erwischt wurde umgehend in eine Suchtklinik einliefern lässt, entspricht das einem öffentlichen Bussritual – ähnlich wie die koksende Kate Moss, die beim koksen erwischt wird und gleich ihre Rehab bucht, um danach geläutert wieder bei den Werbekunden anklopfen zu dürfen. Die Katholiken hatten die Beichte, in unserer säkularen Gesellschaft erlangen wir Absolution durch die Medizin.

Auch in Fachkreisen stösst die Modediagnose auf Skepsis. In seinem Buch «America’s War on Sex» kritisiert der US-Therapeut Marty Klein die Diagnose als moralischen Feldzug gegen den ganz normalen Sextrieb, der das wünschenswerte als normal hinstellt und alles, was abweicht als krankhaft. Dabei seien «gieriges Verlangen nach sexuellem Genuss und dunkle Phantasien Teil einer normalen Sexualität.» Für ihn ist klar, dass hinter der Trenddiagnose Sexsucht Moralapostel stehen, die «aus einem Verhalten, das sich in aller Regel völlig im Rahmen einer normalen Sexualität bewegt, eine Krankheit machen.»

Michèle Binswanger im Mamablog

Freitag, 29. April 2011

Wie Internet-Pornografie die Sexualität zwischen Mann und Frau beeinflusst

Vor allem junge Männer sagen immer unumwundener: «Warum soll ich in Klubs stundenlang Girls anbaggern, wenn ich im Internet die schärfsten Frauen finde, gratis, ohne Aufwand und ohne das Risiko, dass sie am ­Ende des Abends dann doch abwinken?» Der amerikanische Sänger John Mayer bezeichnete Internet-Pornografie in einem Interview mit dem Playboy als «völlig neue synaptische Leitung. Du wachst am Morgen auf und klickst eine Website an. Es gab Tage, da hatte ich ­bestimmt schon dreihundert pussies gesehen, bevor ich aus dem Bett kam. Internet-Pornografie hat die Erwartungen meiner Generation völlig verändert. Du siehst ein Bild und denkst: Das ist das Heisseste, was du je gesehen hast, und dann suchst du doch weiter, bevor du einen ­Orgasmus hast. Wie soll das deine Beziehung mit einer Frau psychologisch unberührt lassen? Es muss sie verändern.»
Beatrice Schlag in der WeWo12.11.

Samstag, 16. Oktober 2010

Alkoholsucht

Für Fragen der psychischen Abhängigkeit ist die konsumierte Alkoholmenge unwichtig. Das massgebliche Kriterium hierfür: Genusstrinken oder eben nicht.
Alkohol geniessen bedeutet, bewusst zu riechen und zu schmecken.
Monique Helfer von der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme.

Der Geniesser trinkt nicht wegen der stimmungs- und verhaltensverändernden Wirkung des Alkohols.
Gerhard Wiesbeck, Suchtmediziner an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Viele Trinker bezeichnen sich als Genusstrinker. Sie spielen aber nur Versteckis.
Urs Ambauen vom Blauen Kreuz Zürich

Typisch beim Übergang zur Abhängigkeit sind das zunehmende Bagatellisieren und Verheimlichen des Trinkens. Oder wenn man sich zu rechtfertigen beginnt. Oder wenn man einen immer stärker werdenden Druck zum Trinken verspürt.
Heike Schwemmer von der Forel-Klinik, einer Fachklinik für Alkoholabhängige in Ellikon ZH

Den Ärger runterspülen, Schüchternheit überwinden, Stress abbauen, Langeweile überbrücken, Trauer erträglicher machen (...) Besonders anfällig sei man bei Lebensübergängen: vom Kind zum Erwachsenen, Berufseinstieg, Kinder bekommen, Midlife-Crisis, Pensionierung. Aber auch bei Brüchen wie Scheidung, Tod, Arbeitslosigkeit oder Krankheit
Urs Ambauen

Viele gestehen sich ihr Problem erst ein, wenn eine Reihe sozialer Probleme auftreten: Partnerschaftskonflikte, Arbeitslosigkeit, Fahrausweisverlust.

Wo beginnt die Sucht?

An der Grenze zur Abhängigkeit
  • Man denkt häufig an Alkohol: Sind genügend Vorräte vorhanden?
  • Schuldgefühle wegen des Alkoholkonsums.
  • Man vermeidet Anspielungen auf den Alkoholkonsum.
  • Heimliches Trinken, «vorsorgliches» Trinken.
  • Gieriges Trinken der ersten Gläser.

Psychische Abhängigkeit
  • Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren.
  • Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung und Menge des Konsums.
  • Eingeengte Verhaltensmuster: Trinken beeinflusst den Tagesablauf.
  • Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen und Interessen zugunsten des Trinkens.
Vera Sohmer im Beobachter 24/09

Donnerstag, 15. April 2010

hormonelle Paarbindung

nur 3-5% der Säugetiere leben monogam

Die beiden Neurotransmitter Oxytocin und Arginin-Vasopressin (kurz: AVP) steuern bei Wühlmäusen die Bildung und die Äußerung von Paarbindungen. Beide Transmitter sind bei Nagetieren wichtig für die soziale Anerkennung, und beide werden bei vielen Säugetieren während vaginaler oder zervikaler Stimulierung ausgeschüttet, auch bei der Geburt und der Paarung. Oxytocin trägt bei vielen Arten maßgeblich zur Mutter-Kind-Bindung bei; allem Anschein nach ist es bei weiblichen Wühlmäusen wichtiger für die Bindung als bei männlichen. AVP hingegen ist wesentlich an vielen männlichen Verhaltensmustern beteiligt, etwa Aggression, Duftmarken und Werbung. Vermutlich ist es bei männlichen Wühlmäusen das wichtigste Hormon für die Paarbindung. Notfalls kann aber auch jedes andere Peptid die Paarbindung bei Wühlmäusen beiderlei Geschlechts anregen. Wenn über eine Infusion diese Neurotransmitter ins Gehirn gelangen, dann sorgt das Gehirn dafür, dass eine Paarbindung eintritt, nachdem die Wühlmaus kurz mit dem Partner zusammen war, auch wenn das Paar keinen Geschlechtsverkehr hatte.

Die Ausschüttung von Dopamin innerhalb dieses Kreislaufs ist wichtig für die Reaktion auf natürliche Belohnungen wie Nahrung oder Sex sowie auf süchtig machende Drogen.

Wenn die Fähigkeit, süchtig zu werden, es Tieren erleichtert, sich an ihre Partner zu binden, dann ist das womöglich der Grund dafür, dass diese Nervenbahnen für das Überleben der Spezies hilfreich sind - und dass sie trotz des Schadens, den Sucht anrichten kann, bestehen bleiben.

Als Beweis dafür, dass diese neuronalen Systeme für die Paarbindung zuständig sind, ist es Wissenschaftlern gelungen, promiskuitive Männchen der Wiesenwühlmäuse zur Monogamie zu «bekehren», indem sie ihnen experimentell die Expression des AVP-Rezeptors im ventralen Pallidum induzierten. Dieses verblüffende Ergebnis beweist, dass ein komplexes Verhaltensmuster wie die Paarbindung durch ein einziges Gen in einer einzigen Hirnregion aktiviert oder deaktiviert werden kann, auch wenn freilich weitere Gene in anderen Hirnregionen für den vollen Ausdruck des Verhaltens erforderlich sind, sobald der Schalter betätigt wird.

Der Oxytocin-Spiegel steigt während des Orgasmus bei Frauen, und die AVP-Konzentrationen steigen während sexueller Erregung bei Männern.

Orgasmus regt Belohnungssysteme des Gehirns an, nämlich jene, die Rezeptoren für Oxytocin und AVP enthalten. Bei frisch verliebten Menschen ist eine starke Aktivität im ventralen Tegmentum und im Nucleus caudatus zu beobachten, bei Menschen mit länger andauernden Beziehungen (etwa ein Jahr) hingegen werden auch andere Regionen angeregt, etwa das ventrale Pallidum (der Ort der Bindung beim Präriehund)
Sandra Aamodt, Samuel Wang: "Welcome to your brain. Ein respektloser Führer durch die Welt unseres Gehirns". C. H. Beck Verlag, München 2008, Auszugsweise veröffentlicht auf cicero

Samstag, 27. März 2010

Behandlung von Kokainsucht

Kokain und andere Suchtmittel hinterlassen Spuren im Gehirn. Nach der Einnahme der Droge kommt es zu einer verstärkten Reizübermittlung im Gehirn. Biochemische Prozesse verändern die Kontaktstellen zwischen Hirnzellen, die Synapsen, langfristig. (...) Prof. Christian Lüscher und sein Team konnten zeigen, dass sich diese durch Drogen hervorgerufene Plastizität wieder rückgängig machen lässt. Sie entdeckten bestimmte Proteine im Gehirn, sogenannte metabotrope Rezeptoren, die als eine Art Verteidigungssystem gegen Sucht dienen. Etwas vereinfacht dargestellt, reduzieren diese Proteine das Verlangen nach der Droge. (...) Die prämierte Arbeit eröffnet völlig neue Perspektiven zur Behandlung von Sucht.
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