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Dienstag, 17. April 2012

Günter Grass Gedicht

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

Günter Grass in der Sueddeutschen

Samstag, 13. August 2011

Immigrierte Sozialfälle sind Unruheherd in London

Das Ressentiment der Benachteiligung ist geblieben, jedoch heute um ein Vielfaches potenziert durch das seither fast ungebremste Hereinlassen von Einwanderern, die, sicher im Sozialstaat aufgehoben, mit freier Gesundheitsversorgung, aber ohne Arbeit, Motivation oder zivilen Anstand einen immer grösseren Unruheherd bilden – der Fundus einer nicht integrierten und kaum integrierbaren wachsenden Minderheit, die den Rest der Gesellschaft das Fürchten lehrt.

Wie in den Vereinigten Staaten ist auch auf der britischen Insel der Farbige oft zurückgeblieben hinter gleichzeitig oder nach ihm Angekommenen, die sich durch Fleiss, Disziplin und Anpassung an die Lebenskultur des Gastlandes hervortun.
Mit bekanntem Laisserfaire und englischer Toleranz wurde über die eine ungebrochene Einwanderung hinweggesehen.
Dass Multikulturalismus etwas mit Liberalismus zu tun habe, kann heute niemand
mehr im Ernst behaupten. Es handelt sich vielmehr um eine problematische Form der sozialstaatlichen Versorgung.

Wir müssen wahnsinnig sein, buchstäblich wahnsinnig, um als Nation den jährlichen Zufluss von um die 50 000 Familienangehörigen zuzulassen, die grösstenteils die Basis bilden für das zukünftige Wachstum der von Einwanderern abstammenden Bevölkerung. [. . .] Es ist, als schaue man einer Nation dabei zu, wie sie eifrig ihren eigenen Scheiterhaufen aufschichtet.
Enoch Powell, Abgeordneter der Tory-Partei, 1968.
Seither muss man sich bei solchen Gelegenheiten «institutionellen Rassismus» vorwerfen lassen. Es bestehen hemmende Reflexe im Umgang mit Farbigen.
Warum sah die Polizei in den ersten Nächten so hilf- und tatenlos zu, als das Plündern und brandschatzen vor ihren Augen ablief? Weil in den Rängen der Polizei die Sorge umgeht, dass ein zu hartes Vorgehen den Vorwurf des Rassismus nur wieder auf den Plan rufen könnte. Der Effekt seiner Rede war ein äusserst negativer: Es wurde seit Powell fast unmöglich, Einwanderungsfragen zu diskutieren, mit der Folge, dass politisch korrektes Beschweigen an die Stelle einer offenen Debatte trat, da niemand es riskieren wollte, als Rassist abgestempelt zu werden. So wanderte das Thema in den Untergrund und wurde zum Tabu.

Die Sünden des Beschweigens erntet die heutige Generation in Form latenter Anarchie. Familien gelingen nicht mehr, die Söhne gehen leitplankenlos ins Leben, in den schwarzen Gettos von London ist der Drogen- und Waffenhandel endemisch. Fast jedes Jahr sterben an die zwanzig Jugendliche an Verletzungen durch Messerstiche oder Schusswaffen.

Thomas Kielinger in der WeWo32.11, Seite 13.

Mittwoch, 13. Juli 2011

Bereuen, Eltern zu sein?

Neulich erzählte mir eine Freundin vom letzten Tabu beim Thema Mutterschaft. Anlass war eine Diskussion auf Mums.net. Dort schildert eine Frau mit einem zweijährigen Sohn, wie sehr sie ihr altes Leben vermisst und wie sehr sie es bereut, sich für Kinder entschieden zu haben.

Es fühlt sich so hohl an. Ich hasse es, im Park zu spielen, ich will eine Galerie besuchen. Ich hasse es, ‹Peppa Pig› zu schauen, ich will einen Roman lesen. Ich hasse Spielgruppen, ich will mit meinen Freunden zum Lunch. Ich liebe meinen Sohn, aber die Mutterschaft gibt mir das Gefühl, als würde ich aus dem Leben gedrängt. Kennt jemand anders auch solche Gefühle?

Michele Binswanger im Mamablog

Samstag, 22. Mai 2010

Feminismus, Sexyness und Fantasie

Das eigentliche Unheil des Feminismus ist die Feminisierung der Männer. Ein Kind, das männliche Orientierung sucht, entdeckt verunsicherte Schwächlinge, die über die richtige Frisur nachdenken. Schalten Sie das Fernsehen ein: In neunzig Prozent aller Hollywood-Filme ist der Mann der Idiot und die Frau on top.

Seither bin ich ein Spezialist für die Wechselbeziehung zwischen Prüderie und erotischer Besessenheit. Erotik, wie ich sie schätze, gibt es nur im Zusammenspiel mit Tabus. Sex ist für mich total uninteressant. Ich mache es mir selber viel besser. Selbstbefriedigung ist ohnehin das Beste, was es gibt. Du wirst nicht krank und hast keine verrückten Frauen am Hals. Mein Gefühl ist, dass die Erotik durch die sexuelle Freizügigkeit mehr und mehr verschwindet. Wenn alles Sex ist, wird Sex unsexy.

Männer haben einen Führer zwischen den Beinen, der uns mit seiner Zwangsherrschaft tyrannisiert. Das ist wie Hunger ohne Essen. Gleichzeitig sehnen wir uns nach diesem Diktator. Ohne Fantasie führt Sex aber nur zu einem Teelöffel Flüssigkeit. Hätten die Menschen mehr Mut, ihre erotischen Fantasien auszuleben, gäbe es keine Pornografie mehr.

Tomi Ungerer im Interview von Sven Michaelsen in der WeWo19.10, Seite 48ff.

Mittwoch, 28. April 2010

Klartext der Comedians

In einer Gesellschaft, in der das Denken und Reden zunehmend reglementiert wird, wo ganze Berufszweige wie Gleichstellungsbeauftragte oder Rassismusexperten die Öffentlichkeit nach verbalen Ausrutschern abscannen, nehmen sich Kabarettisten die Freiheit, genau dort zu wühlen, wo die meisten Verbotsschilder herumstehen.
Sie reissen Witze über die ganz heiklen Tretminen-Themen Religion und Sex. Sie nehmen sich Tabu-Minderheiten vor wie einzelne Ausländergruppen – oder sie wagen sich an Tabu-Mehrheiten wie die Frauen. Comedians sind Klartexter minus Verbissenheit.
Peter Keller in der WeWo16.10, Seite 54f.

Dienstag, 11. August 2009

Homosexuellenkult

Was als berechtigter Protest begann, ist zum schrillen Kult geworden.

Wäre es nicht möglich, dass «Brüno» mit satirischen Mitteln die Realität zur Kenntlichkeit entstellt?

Von Ächtung und Diskriminierung kann keine Rede mehr sein.

Die Schwulen bestimmen heute, wie über Schwule zu denken und zu sprechen ist. Und vor allem, worüber man nicht sprechen darf.

Wo ist der Punkt, an dem der berechtigte Protest gegen Unterdrückung, Verkennung und Diskriminierung umschlägt in peinliche Propaganda für persönliche Vorlieben? Wie sehr interessiert es uns eigentlich, wer welchen sexuellen Praktiken nachgeht und warum? Kommt als Nächstes die Latexfraktion? Oder beglücken uns die Tierliebhaber mit ihren Vergnügungen? Exhibitionismus wird zum Massenphänomen.

Homosexualität ist Weltanschauung und politisches Programm geworden. Eine Nebensächlichkeit drängt sich ins Zentrum. Homosexuelle Politiker wie Klaus Wowereit oder Corine Mauch werden nicht nach ihren Überzeugungen und Taten beurteilt, sondern nach ihren sexuellen Präferenzen.

Eigentlich haben die Homosexuellen mit der rechtlichen Gleichstellung und der gesellschaftlichen Akzeptanz ihre Ziele erreicht. Sie befänden sich in einer «sehr privilegierten Lage», die Politik sei ihnen «sehr wohlgesinnt», heisst es im Begleitheft zur Euro-Pride. Die Gegnerschaft sei «unbedeutend».
Wenn Schwule und Lesben derart «privilegiert» sind, wofür kämpfen sie dann noch?

Politische Korrektheit schafft Tabus, fördert die Verdrängung und behindert das Denken.
Bundesrat Moritz Leuenberger (SP) am Christopher Street Day 2001

Sie ist "freie" Liebe im Sinn der Unfruchtbarkeit, Aussichtslosigkeit, Konsequenz- und Verantwortungslosigkeit. Es entsteht nichts aus ihr, sie legt den Grund zu nichts, ist l’art pour l’art, was ästhetisch recht stolz und frei sein mag, doch ohne Zweifel unmoralisch ist. Sie irrlichteliert, schweift nach allen Seiten. Ihr fehlt die Treue.
Thomas Mann
Schwulsein sollte ganz einfach eine sexuelle Veranlagung sein. Eine Privatsache, die nach den Regeln des guten Geschmacks in der Öffentlichkeit diskret behandelt würde.

Philipp Gut in der WW27.09, Seite 24ff

Dienstag, 18. September 2007

Entsexualisierung der Gesellschaft

Ich habe das Problem ja schon einmal angedeutet. Es lässt sich unter "oversexed but underfucked" zusammenfassen. Nun geht die aktuelle Presse noch einen Schritt weiter und spricht von der damit eingetroffenen Sättigung. Man kann es nicht mehr hören. Der einst mächtigste Trieb, auf den v.a. Marketingexperten lange zählen konnten, hat ausgedient. Er ist tot.
"Sex ist eigentlich nicht so mein Ding. Sex ist eigentlich ziemlich blöde. Menschen beim Sex sehen unwürdig aus und benehmen sich unzivilisiert bis bescheuert." (2)
Gründe für die Sättigung:
- Drastik: Sexuelle Darstellungen, auch drastische, hatten einmal eine ernst zu nehmende Funktion im Kulturkampf gegen überkommende Moralvorstellungen und Prüderie.(1) Dieser Kampf ist abgeschlossen. Die Drastik wurde bedeutungslos.
- Tabubruch: Die Tabus wurden alle aufgebrochen.
- Leistungssport: Der Flirt zwischen Pop und Pornographie hat sich zum lasziven Imperativ ausgewachsen, dem nur die erotisch Fittesten noch folgen können. (...) Was 1969 (...) spielderisch begann, ist heute zum Wettbewerb der simulierten Orgasmen und des künstlichen Gestöhns geworden... Popkultur als sexueller Leistungssport.(1)
- Körpernorm: Die Differenz, die wahre Würze der Sinnlichkeit, ist am Schwinden.(1)

Die Pornographisierung des Alltags, die Kommerzialisierung der Liebe, Sexualneid und Leistungsdruck, die Angst vor dem ersten Mal, die inzwischen an eine ADSL-Verbindung gekoppelte Erektionsfähigkeit des Mannes...(2)
Robert Menasse beschreibt in seinem Buch (3) die kritisch-komische Geschichte eines 68ers, der den gesellschaftlichen Wandel hautnah miterlebt hat:
Von der Utopie der befreiten Sexualität zum zwanghaften Antispiessertum.
"Ich hatte nie ein so exzessives Sexualleben wie jetzt, wo Sex mich langweilt", seufzt Nathan. "Es gibt wahrscheinlich keinen Antrieb, der so gewaltig ist wie der, der in einem Mann zu glühen beginnt, wenn er die Lust verloren hat in einer Gesellschaft, die nicht einmal einen Liter Mineralwasser verkaufen kann, ohne die Ware erotisch zu besetzen."

"Was wir für Befriedigung halten, ist nur körperliche Erschöpfung", schlimmer noch: Leistungssport und Lüge der Konsumgesellschaft.
(1) Sven Boedecker, Eva Hess, Christian Hubschmid und Matthias Lerf in der SonntagsZeitung vom 16. September, Seite 49ff.

(2) Helmut Ziegler in der SonntagsZeitung vom 16. September 2007, Seite 51 über das Buch von F. Moldenhauer & T. Uebel (Hg.): "Sex ist eigentlich nicht so mein Ding". Eichborn, 246 S., 28,90 CHF.

(3) Martin Halter im Tagesanzeiger vom 17. September 2007, Seite 45 über das Buch von Robert Menasse: Don Juan de la Mancha oder Die Erziehung der Lust. Roman. Suhrkamp, Frankfurt 2007, 276 S., 33 CHF.