Ähnlich wie das Adjektiv christlich verspricht heute das Präfix bio- ein Wertegerüst, das Halt gibt, aber unverbindlich genug ist, um bei der breiten Masse anzukommen.
tis in der NZZaS vom 31.10.2010, Seite 21.
Samstag, 6. November 2010
unverbindliche Breitenwirkung
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Wirkung
reich - aber nicht durch Leistung
Der einfache Millionär zählt in der Schweiz längst nicht mehr zu den Reichen, sondern zur obern Mittelschicht. Zu den «echten» Reichen gehört man erst ab 30 Millionen Franken. Als «superreich» gelten Wohlhabende mit 100 Millionen Franken und mehr.
Die Hälfte der 300 reichsten Schweizer sind durch Erbschaften reich geworden. (...) Es ist für untere Schichten entmutigend, wenn sie sehen, dass Leistung in den obersten Schichten nicht zählt, sondern Manager abzocken und Reiche erben.
Gordana Mijuk und Christine Brand in der NZZaS vom 31.10.2010, Seite 24f über das Buch von Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Sarah Schillinger: Wie Reiche denken und lenken. Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche. Rotpunktverlag.
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Clash der Geschlechter
Walter Hollstein, Männern fällt es schwer, sich von ihrer traditionellen Rolle als Ernährer zu emanzipieren. Warum?
Weil man 40 Jahre nur Mädchen- und Frauenpolitik gemacht und dabei die Buben und Männer vernachlässigt hat. Während Frauen ihre Rolle neu definiert haben, sind Männer stehengeblieben. Darum trifft jetzt eine Generation von modernen Frauen auf traditionelle Männer. 80 Prozent der Mädchen wollen heute Karriere machen und mit einem partnerschaftlichen Mann eine Familie gründen, während sich bloss 25 Prozent der jungen Männer vorstellen können, mit einer emanzipierten Frau zusammen zu sein.
Klingt ja nicht gerade rosig.
Nein. Es muss zum Clash der Geschlechter kommen. Die Trennungs- und Scheidungsraten sprechen ja heute schon für sich. Die Problematik wird sich in Zukunft aber noch weiter verschärfen.
Was nun?
Es muss dringend Buben- und Männerförderung betrieben werden, damit Männer aus ihrer Identitätskrise herausfinden und ihre Angst abbauen.
Angst wovor?
Abgeschafft zu werden, nicht mehr gebraucht. Die Mehrheit der Studienabgängerinnen sind Frauen, sie sind auf dem Arbeitsmarkt erfolgreicher und brauchen Männer dank Samenbanken ja nicht einmal mehr zur Familiengründung. Das verstört und verunsichert. Und je grösser die Angst, desto mehr klammert man sich an traditionellen Rollen fest.
Walter Hollstein im Interview von Carole Koch in der NZZaS vom 31.10.2010, Seite 77ff.
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Dienstag, 19. Oktober 2010
Fitness statt Glaube
Positivistisch gewickelte, religiös indifferente Menschen neigen nicht selten dazu, die ihnen fremd gewordene Gottesdienst-Tradition durch einen Körperkult zu ersetzen.Ein Satz, wie ihn nur die NZZ hinbringt :-) 17.10.2010
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Anreize zur Sterilisation
Eine umstrittene Organisation aus den USA hat einem drogensüchtigen Briten 200 Pfund bezahlt, damit sich dieser sterilisieren liess. Hinter dem Angebot steht die Vereinigung Project Prevention. Die Organisation will verhindern, dass mögliche Kinder drogenabhängiger Eltern psychisch und körperlich unter den Folgen der Sucht leiden.Das dürfte wohl die günstigste Lösung sein. Und ruft man sich Idiocracy in Erinnerung, ist es auch moralisch gerechtfertigt - also nicht nur legal, sondern auch legitim.
20min vom 19.10.2010
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Volumen der organisierten Kriminalität
Die Hintermänner der organisierten Kriminalität verdienen nach Angaben der Vereinten Nationen jedes Jahr umgerechnet rund 115 Milliarden Franken. Der Grossteil der Summe, nämlich 100 Milliarden, gehe auf den Drogenhandel zurück, teilte das Uno-Büro für Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung gestern in Wien mit.
20min vom 19.10.2010
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Ist Statistik Hokuspokus?
In Israel sind am Samstagabend exakt die gleichen sechs Lotto-Zahlen gezogen worden wie im Vormonat. Rein statistisch gesehen ist das beinahe unmöglich.
Israelische Medien berichteten am Sonntag, insgesamt 95 Teilnehmer hätten richtig auf die gleichen Zahlen wie bei der Ziehung am 21. September getippt: 13, 14, 26, 32, 33 und 36.
Nur drei von ihnen wählten jedoch die richtige Zusatzzahl 2. Sie bekommen jeweils einen Gewinn von 4 Millionen Schekel (umgerechnet gut 1 Million Franken).
Der israelische Statistikprofessor Zvi Galula sagte der Nachrichtenseite «ynet», die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ergebnisses binnen weniger Wochen betrage 1 zu 4 000 000 000 000.
Der israelische Lottoverband beteuerte jedoch, es sei alles mit rechten Dingen zugegangen. In der «Welt des Glücks» sei eben alles möglich, hiess es in einer Mitteilung des Verbands.
Auch bei den Wahrscheinlichkeiten des Zusammenbruchs von Grossbanken täuschte man sich: Sie sind häufiger als erwartet. Und wenn jetzt sogar noch das Lotto, als ein sehr "reines" statistisches Umfeld, diese Unterschätzte Häufigkeit bestätigt, fragt sich, wie aussagekräftig die Statistik wirklich ist.
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Wirtschaftskrise
Samstag, 16. Oktober 2010
wirre, realitätsfremde Linke
Inzwischen wissen auch Linke, dass sie mit den Ideen des Sozialismus nicht mehr punkten können. Deshalb haben sie ihre Rhetorik den neuen Gegebenheiten angepasst. Geblieben ist die Vorliebe, in erster Linie über Werte und Ideen zu diskutieren. Die Probleme, die sich für Wirtschaft und Gesellschaft bei der Umsetzung der propagierten Ideen ergeben, werden ausgeklammert. Politiker und Medienschaffende lieben solche von der Realität losgelösten Wertediskussionen. Mit wenig intellektuellem Aufwand kann man sich als Anhänger neuer, sozialer und gerechter Gesellschaftsmodelle profilieren. Gleichzeitig können die Zweifler mit einem Verweis auf die übergeordnete Stellung der Werte und Ideen als unsozial diskreditiert werden.
Kurt Schiltknecht in der WeWo 40.10, Seite 22.
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AHV: mehr Umverteilung als Versicherung
Es geht bei der AHV fast nur noch um Umverteilung, gestern vor allem zwischen den Generationen von Jung zu Alt und heute vor allem von Besserverdienenden zu Schlechterverdienenden. Die AHV ist technisch ein Steuer-Transfer-Umverteilungs-Mechanismus geworden. Die Bezeichnung Versicherung dient nur noch der Verschleierung.Silvio Borner in der WeWo39.10, Seite 23.
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risikogerechte ALV
Bezüglich der unterschiedlichen Risiken war die ALV jedoch von Anfang an nicht versicherungstechnisch ausgerichtet. Branchen wie etwa das Gastgewerbe oder die Bauwirtschaft verursachen «Schäden», die zwei- bis dreimal so hoch sind wie die Prämien, die bezahlt werden.
Fussballtrainer haben ein höheres Entlassungsrisiko als Professoren. Beide zahlen aber denselben Prozentsatz. Dies führt zu einer Subventionierung von instabilen Branchen, die volkswirtschaftlich unerwünscht sind.
Silvio Borner in der WeWo39.10, Seite 23.
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Trunkenheitsstadien
0,2 bis 0,5 Promille
Nachlassen der Aufmerksamkeit und des Reaktionsvermögens. Seh- und Hörvermögen leicht vermindert. Kritik- und Urteilsfähigkeit sinken, höhere Risikobereitschaft.
ab 0,5 Promille
Probleme bei Nachtsichtigkeit und mit der Konzentrationsfähigkeit. Erste Gleichgewichtsstörungen, deutlich längere Reaktionszeit. Selbstüberschätzung nimmt zu.
ab 0,8 Promille
Räumliches Sehen ist beeinträchtigt, Blick verengt. Gleichgewichtsstörungen. Stark verlängerte Reaktionszeit. Selbstüberschätzung, Euphorie und zunehmende Enthemmung.
1 bis 2 Promille (Rauschstadium)
Verwirrtheit, Sprech- und Orientierungsstörungen, starke Gleichgewichtsstörungen. Lange Reaktionszeiten. Übersteigerte Selbsteinschätzung und Verlust der Kritikfähigkeit.
2 bis 3 Promille (Betäubungsstadium)
Ausgeprägte Gleichgewichtsstörungen. Reaktionsvermögen kaum mehr vorhanden. Gedächtnis- und Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit. Muskelerschlaffung und Erbrechen.
3 bis 5 Promille (Lähmungsstadium)
Ab 3 Promille: Bewusstlosigkeit, schwache Atmung, keine Reflexe. Ab 4 Promille: Lähmungen, Koma, unkontrollierte Ausscheidungen, Atemstillstand und Tod.
Nachlassen der Aufmerksamkeit und des Reaktionsvermögens. Seh- und Hörvermögen leicht vermindert. Kritik- und Urteilsfähigkeit sinken, höhere Risikobereitschaft.
ab 0,5 Promille
Probleme bei Nachtsichtigkeit und mit der Konzentrationsfähigkeit. Erste Gleichgewichtsstörungen, deutlich längere Reaktionszeit. Selbstüberschätzung nimmt zu.
ab 0,8 Promille
Räumliches Sehen ist beeinträchtigt, Blick verengt. Gleichgewichtsstörungen. Stark verlängerte Reaktionszeit. Selbstüberschätzung, Euphorie und zunehmende Enthemmung.
1 bis 2 Promille (Rauschstadium)
Verwirrtheit, Sprech- und Orientierungsstörungen, starke Gleichgewichtsstörungen. Lange Reaktionszeiten. Übersteigerte Selbsteinschätzung und Verlust der Kritikfähigkeit.
2 bis 3 Promille (Betäubungsstadium)
Ausgeprägte Gleichgewichtsstörungen. Reaktionsvermögen kaum mehr vorhanden. Gedächtnis- und Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit. Muskelerschlaffung und Erbrechen.
3 bis 5 Promille (Lähmungsstadium)
Ab 3 Promille: Bewusstlosigkeit, schwache Atmung, keine Reflexe. Ab 4 Promille: Lähmungen, Koma, unkontrollierte Ausscheidungen, Atemstillstand und Tod.
Vera Sohmer im Beobachter 24/09
Alkoholsucht
Für Fragen der psychischen Abhängigkeit ist die konsumierte Alkoholmenge unwichtig. Das massgebliche Kriterium hierfür: Genusstrinken oder eben nicht.
Wo beginnt die Sucht?
An der Grenze zur Abhängigkeit
Psychische Abhängigkeit
Alkohol geniessen bedeutet, bewusst zu riechen und zu schmecken.
Monique Helfer von der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme.
Der Geniesser trinkt nicht wegen der stimmungs- und verhaltensverändernden Wirkung des Alkohols.
Gerhard Wiesbeck, Suchtmediziner an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.
Viele Trinker bezeichnen sich als Genusstrinker. Sie spielen aber nur Versteckis.
Urs Ambauen vom Blauen Kreuz Zürich
Typisch beim Übergang zur Abhängigkeit sind das zunehmende Bagatellisieren und Verheimlichen des Trinkens. Oder wenn man sich zu rechtfertigen beginnt. Oder wenn man einen immer stärker werdenden Druck zum Trinken verspürt.
Heike Schwemmer von der Forel-Klinik, einer Fachklinik für Alkoholabhängige in Ellikon ZH
Den Ärger runterspülen, Schüchternheit überwinden, Stress abbauen, Langeweile überbrücken, Trauer erträglicher machen (...) Besonders anfällig sei man bei Lebensübergängen: vom Kind zum Erwachsenen, Berufseinstieg, Kinder bekommen, Midlife-Crisis, Pensionierung. Aber auch bei Brüchen wie Scheidung, Tod, Arbeitslosigkeit oder Krankheit
Urs Ambauen
Viele gestehen sich ihr Problem erst ein, wenn eine Reihe sozialer Probleme auftreten: Partnerschaftskonflikte, Arbeitslosigkeit, Fahrausweisverlust.
Wo beginnt die Sucht?
An der Grenze zur Abhängigkeit
- Man denkt häufig an Alkohol: Sind genügend Vorräte vorhanden?
- Schuldgefühle wegen des Alkoholkonsums.
- Man vermeidet Anspielungen auf den Alkoholkonsum.
- Heimliches Trinken, «vorsorgliches» Trinken.
- Gieriges Trinken der ersten Gläser.
Psychische Abhängigkeit
- Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren.
- Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung und Menge des Konsums.
- Eingeengte Verhaltensmuster: Trinken beeinflusst den Tagesablauf.
- Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen und Interessen zugunsten des Trinkens.
Währungskrieg in einer interdepenten Welt
Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem.
John Connolly, amerikanischer Finanzminister vor besorgten europäischen Finanzministern, in den 70ern.
China und USA: In Anspielung auf die Zeit des Kalten Krieges: "mutual assured destruction" (MAD), die gegenseitig gesicherte Vernichtungsfähigkeit der beiden grossen Akteure im Weltfinanzsystem.
Lawrence Summers
Nein, ein Währungskrieg ist dies nicht, keni epischer Kampf um den tiefsten Wechselkurs. Dazu fehlt das Motiv. Man will der Gegenseite ja nicht schaden oder diese gar niederringen, das wäre selbstzerstörerisch. Denn in der hochgradig interdependenten Weltwirtschaft sind alle Partner, nicht Gegner.
Dieter Ruloff in der NZZaS vom 10.10.2010, Seite 19.
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Sonntag, 10. Oktober 2010
Momente der reinen Seligkeit
Es gibt immer wieder Augenblicke, wo ich an die Geborgenheit in beheizten Räumen denke, während draussen Schnee fällt, an den Kuss, der sich umso wärmer anfühlt, je kälter die Luft ist, an das klare Licht von Herbst und Winter, und dann denke ich, diese Jahreszeiten sind eigentlich auch ganz schön. Und dann wird es einmal mehr Sommer, und ich merke, dass das grosser Quatsch ist. Es gibt nur diese eine Jahreszeit. Die richtig ist. Die glücklich macht. Die alles gut macht.
Die Momente, in denen ich das verstehe, sind solche, an die ich mich erinnern werde, wenn mir dereinst jemand in irgendeinem mentalen Training sagen wird, ich solle mir ein Bild der reinen Seligkeit vergegenwärtigen. Es sind Momente, in denen die Hitze des Tages langsam abklingt, das Licht nicht mehr weiss gleisst, sondern gelb und sanft wird und die ersten Bierflaschen aneinanderklirren. In diesen Momenten ist viel Wasser, Fluss- oder Seewasser, und Badebekleidung. Die Haut ist trocken und sauber, oberflächlich kühl nach dem letzten Bad, der Schweiss und das Büro und die fettige Sonnencreme sind abgewaschen. Da sind nicht mehr: alle, die weg mussten, die Kinder heimbringen; abholen; zu einem wichtigen Abendtermin; eine Serie schauen. Es ist gut so. Da sind: Freunde, gern auch Bekannte, aber sogar Fremde sind einem nah in diesen Momenten. Der Sommer kann das.
Menschen sehen schön aus in diesem Licht. Es verfängt sich in den Haaren der Frauen, es gibt keine Frisuren mehr, nur noch Haare, was sie halt sind. Augenfarben verändern sich, vielleicht sieht man sie auch zum ersten Mal. Dieses Licht zeichnet die Kantigkeit der Männer weich. Das Gegenteil von dem passiert, was weibliche Journalistinnen aus Unzufriedenheit mit sich selber während dieser Zeit so verzweifelt postulieren — Schlankheit sei nun ein für alle Mal out, Rundungen und Weiblichkeit in: In diesen Momenten gibt es keine Diktate mehr, keine Evaluation, nur noch Körper, Männer und Frauen, was sie halt sind. Alle Wangen leicht gerötet, vielleicht wegen zu viel Sonne, wahrscheinlich wegen der Seligkeit. Verliebte haben rote Wangen. Vielleicht fühlt man sich selber verliebt, nur weil die anderen verliebt aussehen. Der Sommer kann das.
Es gibt nichts zu tun an solchen Frühabenden, als wie ein Kaltblüter dazuliegen und alles aufzusaugen, was man braucht. Die Zeit schmilzt. Nichts ist mehr wichtig, ausser genau dort zu sein. Man wird zurückversetzt in die Kindheit, in die schiere Freude am Sommer. Sommer hiess zwar vor allen Dingen grosse Ferien damals, denn Jahreszeiten sind Kindern egal. Aber er bedeutete schon damals genau dasselbe wie heute: der Ausblick auf zurechtgebogene Regeln, auf länger Aufbleiben, auf draussen sein mit Freunden, auf Quatsch machen, Spass haben. Sommer ist der Ausnahmezustand, der eigentlich Normalfall sein sollte. Wir legen uns auf den Boden, in allen anderen Jahreszeiten eine unvorstellbare Sache. Wir denken nicht mehr so sehr an die Zukunft, es geht nur noch um die endliche Unendlichkeit dieser Monate, im Hinterkopf die Erfahrung und Shakespeare: Denn kurz nur währt des Sommers Herrlichkeit. Wir werden wieder zu Menschen in dieser magischen Zeit. Nur der Sommer kann das.
Samstag, 9. Oktober 2010
Ursache-Wirkung, Wille-Schuld und Zufall
Alles heute beruht auf der Erkenntnis des Kausalen: Jede Ursache hat eine Wirkung, jede Wirkung eine Ursache.
Unsere ganze Gesellschaft beruhe auf der Hypothese des freien Willens...Ohne freien Willen gäbe es keine Schuld und ohne Schuld kein Strafrecht.
Während man früher sagte, sie hat Pech mit Männern, sagt man heute, sie sucht sich immer die Falschen. Und sterbe eine Hundertjährige an einer Lungenentzündung, sagt Hampe, äussere bestimmt irgendjemand den Verdacht, dass das nicht passiert wäre, hätte man rechtzeitig ein Antibiotikum gegeben.
Wie war es, wenn der Mann früher fremdging? Die Frau hatte nicht das Gefühl, sie müsste ihren Mann in der Liebe glücklich machen, sie musste allenfalls willig sein. Heute muss Sex jedes Mal ein Rausch sein. Und wenn sich der Mann eine andere nimmt, zieht die Frau den Schluss, sie ist nicht sexy genug.
Erica Meier, Psychoanalytikerin
Ich kann den Modebegriff Mobbing nicht ausstehen. Er suggeriert zu oft, die andern sind schuld. Selbst wenn jemand in einer Situation Opfer ist, kann eine Veränderung angestrebt werden. Auch ein Opfer hat eine Wahl.
Erica Meier, Psychologin
Sie sagt, sie sei enttäuscht. Ständig das Später vorgehalten zu kriegen, alles planen zu sollen, nehme ihr die Lebensfreude und das Gefühl, frei zu sein.
«Ich will mich lieber mit offenem Herzen und Auge, wie ein Kind, durch die Welt bewegen. Alles wie ein Puzzle lassen, nichts festkleben, anstatt mir die populären Bilder in den Kopf hämmern lassen.»
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Zufall
linker Irrweg
Inzwischen wissen auch Linke, dass sie mit den Ideen des Sozialismus nicht mehr punkten können. Deshalb haben sie ihre Rhetorik den neuen Gegebenheiten angepasst. Geblieben ist die Vorliebe, in erster Linie über Werte und Ideen zu diskutieren. Die Probleme, die sich für Wirtschaft und Gesellschaft bei der Umsetzung der propagierten Ideen ergeben, werden ausgeklammert. Politiker und Medienschaffende lieben solche von der Realität losgelösten Wertediskussionen. Mit wenig intellektuellem Aufwand kann man sich als Anhänger neuer, sozialer und gerechter Gesellschaftsmodelle profilieren. Gleichzeitig können die Zweifler mit einem Verweis auf die übergeordnete Stellung der Werte und Ideen als unsozial diskreditiert werden.
Kurt Schildknecht in der WeWo40.10, Seite 22.
Opfer der Gene und Hormone?
...die Gehirne beider Geschlechter passen sich nach neuerer Forschung jeder neuen Erfahrung an und sind sehr viel veränderbarer, als noch vor einem Jahrzehnt angenommen. Dennoch werden Männer in ihrem neuen Buch vorwiegend als Opfer ihrer Gene und Hormonausschüttungen dargestellt.
Menschliche Entscheidungen gegen die biologischen Impulse des Gehirns sind nicht nur möglich, sondern alltäglich. Man nennt es Zivilisierung, und man muss es tun. Ich glaube, es hilft, wenn man weiss, welches die Impulse sind, die man niederzuhalten versucht. Aber Tiger Woods kann sich damit nicht entschuldigen. Wenn ein Mann Frau und Kinder hat, ist es völlig egal, ob er ein mehr oder weniger langes Rezeptoren-Gen für Vasopressin hat. Er trägt ihnen gegenüber Verantwortung. Aber möglicherweise ist es nützlich, zu wissen, dass man ein kurzes Gen hat und deswegen härter arbeiten muss, um treu zu sein. Genau so, wie es nützlich ist, zu wissen, dass man gefährdeter ist als andere, Diabetes oder einen Schlaganfall zu bekommen.»
Beatrice Schlag in der WeWo16.10, Seite 30ff, bezieht sich auf Louann Brizendine: The Male Brain, Random House, 2009, 304 Seiten.
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Die Tage der fähigen Verräterin sind gezählt
- 1999 - 2008 Finanzdirektorin des Kantons Graubünden
- Präsidentin der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren
- Mitglied des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank
In Bundesbern umreissen einige Parlamentarier das Kalkül Widmer-Schlumpfs so: Als Finanzexpertin ist sie weitherum anerkannt. Das Parlament dürfte 2011 Hemmungen haben, eine Bundesrätin abzuwählen, deren fachliche Eignung kaum jemand in Zweifel zieht. Diese Überlegungen haben allerdings mehrere Haken: Mit der Annahme ihrer Wahl im Dezember 2007 hat Widmer-Schlumpf selber dazu beigetragen, die Hemmschwelle bei der Abwahl amtierender Bundesräte zu senken. Und die Bündnerin wird 2011 ohne richtigen Leistungsausweis dastehen: Die drei Jahre in der Justiz waren zu kurz, und das eine Jahr bei den Finanzen ist es wohl auch. Hans-Rudolf Merz hat zwar einiges verbockt, aber die Finanzen liefen ihm nicht aus dem Ruder. Der Schweizer Staatshaushalt ist solid. Es wird seine Zeit dauern, bis Widmer-Schlumpf als Finanzministerin Spuren hinterlässt.
Francesco Benini in der NZZaS vom 3.10.10, Seite 24f.
Montag, 4. Oktober 2010
teurer Fehler deutsche Wiedervereinigung
Die grossenteils verrotteten Staatsbetriebe werden einer Treuhandgesellschaft übertragen, die in den folgenden vier Jahren 14 500 von ihnen privatisiert und 3500 stelllegt. Die Treuhand hinterlässt Ärger, Misstrauen und 275 Milliarden D-Mark Schulden.
Und nun beginnt Westdeutschland zu bluten unter dem gewaltigsten Hilfsprogramm der Weltgeschichte: 1600 Milliarden Euro sind seither von West- nach Ostdeutschland geflossen, 219 Millionen Euro Tag für Tag. Sanieren, modernisieren, verschönern!
Wolf Schneider im NZZ Folio 10/2010, Seite 17.
Die Kluft zwischen Ost und West ist unverändert gross. Die Arbeitslosenquote im Westen beträgt 6, im Osten aber 11 Prozent. Die Differenz ist in den 20 Jahren nach der Wiedervereinigung nicht geringer geworden. Ein Arbeitnehmer im Osten bekommt nur drei Viertel dessen, was sein Kollege im Westen verdient. Die Wirtschaftsleistung in den östlichen Bundesländern beträgt im Vergleich zum Westen nur 70 Prozent.
Exodus
Die Bevölkerungszahl im Osten ist seit 1990 um 1,7 Millionen auf 13 Millionen Einwohner geschrumpft. Vor allem die junge Generation machte sich auf den Weg in den Westen und hinterliess Dörfer, in denen nur noch Rentner leben.
Gerd Kolb in der NZZaS vom 3.10.10, Seite 5.
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Sonntag, 3. Oktober 2010
intellektuell verarmte Sozialdemokratie (D)
Fünf sozialdemokratische Parteien sitzen im deutschen Bundestag. Über die Sozialdemokraten braucht man nicht zu sprechen. Die Unionsparteien haben unter Merkels Führung sukzessive sozialdemokratische Positionen besetzt, und selbst ihre eigenen Anhänger sind nicht mehr in der Lage, Restbestände des einst hochgehaltenen Konservatismus zu finden.
Die Grünen haben ein Hauptthema, die Umwelt, das nicht zwingend eine bestimmte wirtschaftspolitische Ordnung voraussetzt, doch sie denken wie Sozialdemokraten: Sie wollen besteuern und umverteilen. Etwas anderes will auch die Linkspartei nicht…
Die Liberalen möchten den Mittelstand etwas entlasten, das ist alles. Im Übrigen schwimmen auch die Liberalen im breiten Strom der Mitte. Sie fördern Kultur und Wissenschaft, sie wollen den Sozialstaat und die soziale Marktwirtschaft.
Der breite politische Konsens verführt dazu, heikle Fragen zu verdrängen und intellektuelle Tabuzonen zu schaffen. Doch die «Debatte», die der Sozialdemokrat ausgelöst haben will, ist steril und oberflächlich geblieben. Nur ganz wenige Medien und Politiker haben sich mit seinen Thesen intensiv auseinandergesetzt. Die meisten beliessen es bei den bekannten rituellen Tänzen schneller Entrüstung und politischer Korrektheit. Das führt zwangsläufig zu intellektueller Verarmung.
Vieles spricht dafür, dass die Deutschen, wagte man nur etwas mehr direkte Demokratie, ihre D-Mark schon längst wieder hätten – nun, nach der Griechenland-Krise, erst recht. Dass sich Berlin niemals in Afghanistan engagiert hätte, steht fest; vielleicht hätte man sogar bereits der EU den Rücken gekehrt.
Das stimmt nachdenklich. Deutschland, so scheint es, ist mittlerweile so weit nach links gerückt, dass seriöse Debatten über die Nachhaltigkeit volkswirtschaftlicher Modelle nicht mehr zu führen sind.
Handlungsfähigkeit ist nicht das Privileg autoritärer Eliten. Nicht die Parteiendemokratie Deutschland, nicht das zentralistische Frankreich hat die Schulden gering gehalten, sondern die Schweiz, in der der angeblich so unzuverlässige, verschwendungssüchtige und leicht zu verführende Bürger überall dreinreden kann. Das sollte nicht zu Überheblichkeit verleiten. Aber es deutet an, dass sich etwas mehr Respekt vor dem Bürger lohnen kann. Zurückhaltende staatspolitische Vernunft kommt nicht von oben, sondern von unten. Sie wächst aus den kleinen Gruppen, aus den Familien und Gemeinden…
Ulrich Schmid in der NZZ vom 25.09.2010, Seite 57.
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