{Die Mutter investiert viel in ihr Kind.} Deshalb zählte für die Frauen Qualität und nicht Quantität. Nicht möglichst viele, sondern wenige, dafür gesunde und bestens auf alle Fährnisse des Lebens vorbereitete Kinder durchzubringen, lautete das Rezept.
In Krisenzeiten aber wurde diese Strategie riskant: Wenn Hunger, Krieg oder Krankheit es unwahrscheinlich machen, dass ein Kind überlebt, ist es – evolutionär betrachtet – nicht sinnvoll, allzu viel in es zu investieren. Tatsächlich hat der Antropologe Robert Quinlan in einer grossen kulturvergleichenden Studie gezeigt, dass es einen deutlichen Zusammenhang gibt zwischen müttterlicher Fürsorge und herrschenden Risiken: So stillen die Mütter ihre Kinder in Notzeiten deutlich weniger, bekamen aber mehr Nachwuchs. Von viele sollte wenigstens eines irgendwie durchkommen.
Schon diese strategischen Überlegungen vertrage sich kaum mit dem, wes wir heute unter Mutterliebe verstehen: also die geradezu selbstlose Konzentration auf das Wohl des Kindes. „Wir müssen uns klarmachen“, sagt Anthropologin Hrdy, „dass wir erst seit kurzem in einem Stadium leben, in dem wir es uns leisten können, jedes Baby zu lieben, das wir zur Welt bringen.“
Das Vorhanden von Mutterliebe hängt in ausserordentlicher Weise von den existenziellen Lebensbedingungen ab.
In Anbetracht der vielen Gedanken, welche sich eine Frau macht, ob sie wirklich ein Kind auf die Welt stellen möchte:
Es ist paradox: Was einst zum Besten des Kindes war, kann sich in Zeiten der Pille als Kinderverhinderungsstrategie entpuppen.
Kai Michel in der WW39.09, Seite 28ff
Mittwoch, 14. Oktober 2009
Mutterliebe
Freitag, 1. Mai 2009
Parrhesie
Über die letzte Vorlesung von Michel Foucault zu «Der Mut zur Wahrheit» (Le courage de la vérité):
Die Vorlesung behandelt die antike Auffassung der sogenannten Parrhesie, das heisst des Vorrechtes, alles sagen zu dürfen — auch die unangenehmen Wahrheiten, die den Mitbürgern missfallen und welche die Mächtigen herausfordern. Die Parrhesie war das Fundament der athenischen Demokratie. Bis heute ist die freie Meinungsäusserung die unverzichtbare Voraussetzung eines demokratischen Staatswesens. Nur wenn Wahrheit zumutbar ist, können öffentliche Entscheidungsprozesse funktionieren.
Athen war die Wiege sowohl der abendländischen Philosophie als auch des westlichen Demokratie-Ideals, doch es bestand zwischen den beiden Zivilisationsleistungen von Anbeginn ein Gegensatz: Die klassische Philosophie stand der Volksherrschaft mit äusserster Skepsis gegenüber. Plato verurteilt in seinem «Staat» die Demokratie als Pöbelherrschaft, in der die Demagogen stets den Sieg über die Vertreter der Vernunft davontragen. Aristoteles ist der Mehrheitsregierung gegenüber aufgeschlossener, aber auch er erblickt in der Aristokratie die ideale Staatsform. Weshalb wurden die Philosophen zu Verächtern des demokratischen Staates? Foucault führt das Zerwürfnis zurück auf eine Krise der Parrhesie.
Denn das Recht, alles sagen zu dürfen, kann auf zweierlei Weise verstanden werden. Einerseits kann es die Notwendigkeit benennen, ohne Rücksicht auf die Machtverhältnisse, die Wahrheit auszusprechen. Es entspringt einem Ethos der Wahrhaftigkeit. Andererseits besteht das Recht, alles sagen zu dürfen, auch darin, dass man jeden Unsinn erzählen darf. Es erteilt eine Lizenz zur Beliebigkeit. Foucault zeichnet in seiner Vorlesung nach, wie das Ideal der Parrhesie im klassischen Athen in eine Krise geriet: Ursprünglich war damit der Mut zur Wahrheit gemeint, doch mehr und mehr bezeichnete es nur noch die frivole Unsinnigkeit der öffentlichen Demagogie. Die klassische Philosophie wurde antidemokratisch, weil die athenische Demokratie ihr Wahrheitsethos verlor.
